Ubuntu 10.10 – erster Eindruck


Nach einem Festplatten-Crash musste ich eine Neu-Installation durchführen und stand vor der Frage, welche Ubuntu-Version es sein sollte.
Zuvor lief ein Ubuntu 8.04 auf dem Rechner, welches schon sehr viele Experimente und Software-Installationen hinter sich hatte.
Woran immer es lag, das System hatte ein paar Eigenheiten entwickelt: beim Herunterfahren schaltete sich der Rechner nicht mehr komplett aus, ich konnte kein Kernel Upgrade seit 2.6.23 mehr durchführen (System bootet danach nicht mehr). Außerdem hatte ich oft mit plötzlich auftretender 100% CPU-Auslastung zu kämpfen.
Kurz: Es war eigentlich Zeit für ein Neu-Aufsetzen.
Eigentlich wollte ich auf die aktuelle LTS (Ubuntu 10.04) zurückgreifen. Aber mittlerweile denke ich mir, eins der spannenden Dinge an Linux und OpenSource ist ja die ständige Weiterentwicklung. Und die möchte ich schon gerne mitmachen. Deshalb habe ich mich für die 10.10 entschieden und werde auch in Zukunft jede neue Version installieren. Es gibt Möglichkeiten, dies ohne Datenverlust durchzuführen 😉
Eins vorweg: alle Probleme die ich mit 8.04 hatte, gehören nun der Vergangenheit an.

Installation
Was soll ich viele Worte darüber verlieren; die Installation geht schnell und unkompliziert von Statten. Der Installationsassistent stellt noch weniger Fragen als früher, und sieht besser aus. Also alles gut 😉 Im Übrigen scheint die Hardware meines PCs ein Problem mit den Linux Kernels der früheren Distributionen gehabt zu haben. Was nun nicht mehr der Fall ist

Start
Das neue Ubuntu 10.10 startet schneller als jedes andere Ubuntu, das es bisher gab. Klingt das irgendwie nach einem anderen Betriebssystemhersteller? Kann sein.
Dennoch: es wird sogar von Installationen berichtet, wo z.B. ein Netbook unter Ubuntu 10.10 lediglich 10 Sekunden benötigte, bis der Desktop da war. Bei mir dauert es ein paar Sekunden länger, aber das liegt an der langsamen Festplatte.
Nach dem Anmelden wird man von einem aufgeräumten Desktop mit viel Platz begrüßt.

Ubuntu 10.10 Standard-Desktop

Software
Der Gnome Desktop 2.32 verrichtet seine Dienste zuverlässig und stabil.
Standardmässig ist nun Rhythmbox als Musik-Player integriert. Mir persönlich gefällt der nicht so gut. Ich war den alten Amarok 1.4 gewöhnt, vor allem wegen des seperaten Player-Fensters
Browser: Firefox – nach wie vor der Standard, hier in der Version 3.6.12
Weiteres: Brasero (CD Brennsoftware), OpenOffice 3.2, GIMP, Evolution (Mailprogramm) sowie eine kleine aber durchdachte Auswahl an nützlichen Zusatztools.
Der Linux Kernel läuft in der Version 2.6.35
Ein neues Tool zur Softwareinstallation hat seinen Weg in diese Distribution gefunden: Ubuntu Software Center. Dieses bietet eine einfache und komfortable Möglichkeit, eine Vielfalt an verfügbaren Anwendungen mit wenigen Mausklicks zu installieren. Dies dürfte besonders für Linux-Neulinge eine große Erleichterung sein.

Ubuntu Software-Center

Man kann auch bereits ohne Eingabe des administrativen Kennwortes in dem umfangreichen Softwarepool browsen und bekommt so einen Überblick über die verfügbaren Anwendungen.
Der altbekannte Synaptic Paketmanager ist aber nach wie vor mit an Board, der für fortgeschrittene User einen detailierteren Zugiff auf die Softwareverwaltung ermöglicht.

Hardware-Unterstützung
Ein Problem ist immer exotische oder neue Hardware. In meinem Fall hatte ich in den Ubuntu Versionen 8.04 und früher immer Probleme mit meiner Creative Audigy2 Soundkarte sowie diversen DVB-S (Sat-) Karten. Da in den meisten Fällen der Hardware-Hersteller selber keine Treiber für Linux schreibt, übernimmt diese Aufgabe die freie Gemeinschaft von Entwicklern. Natürlich können diese nur Treiber für Hardware entwickeln, die sie auch selber besitzen.
Im Falle von Ubuntu 10.10 sind im Kernel bereits Treiber für die meisten Sound- und DVB-Karten vorhanden. So wird nicht nur die Audigy2 ohne Probleme erkannt, sondern auch die verbaute Technotrend S2-3200 DVB-S2 PCI Karte. Zu verdanken ist dies dem Kernel 2.6.35 – der Linux Kernel wurde gerade im Multimedia-Bereich in den letzten Jahren stark erweitert.
Ein Punkt ist bei der Audigy2 allerdings zu beachten: man wird im ersten Moment dem Rechner keine Töne damit entlocken können. Denn: der Ausgang der Audigy2 ist per default gemuted, sprich stummgeschaltet. Um dies zu beheben, gibt es einen einfachen Trick: in der Konsole den Befehl ‚alsamixer‘ aufrufen, per Tab-Taste bis zum Punkt ‚Audigy Analog/Digital Output Jack‘ blättern und diese Option dann per Taste ‚m‘ aktivieren. Schon ist der Sound da.

alsamixer Audigy

Grafikkarten: NVIDIA oder AMD bieten als Hersteller selber auch Treiber für Linux an, jedoch nur in binärer Form. D.h. es ist kein Zugriff auf die Quellen des Programmcodes möglich. Dennoch kann der ‚proprietäre‘ Treiber sehr einfach nach der Installation hinzugefügt werden. Dies ist unter anderem für die Benutzung von Desktop-Effekten von Vorteil.
Andere bei mir vorhandene Hardware (ein älterer Oki-Laserdrucker, ein Acer SCSI-Scanner, eine AVM Fritz-Karte) funktionieren ebenfalls ‚out-of-the-box‘, also ohne manueller Installation irgendwelcher Software.

Spezielles
Ein Anwendungsfall, für den Linux-basierte Systeme gut geeignet sind, ist natürlich das Home-Entertainment.
Hierfür gibt es eine Menge an Software-Lösungen, die vom simplen Player bis zum kompletten Media-Center reichen.
Zum Fernsehen benutze ich seit langem die Software Kaffeine, die aus KDE stammt.
Auch in Ubuntu 10.10 lässt sie sich nachinstallieren, hier ist Kaffeine auf dem Versionsstand 1.1, also bereits ‚erwachsen‘.
Nach dem Wechseln in den Digital-TV Modus wird man erstmal keine Möglichkeit haben, Sender zu suchen o.ä.
Dies liegt daran, dass man in Kaffeine einmalig ein paar kleine Einstellungen vornehmen muss, bevor es mit dem Fernsehen losgehen kann.
Zum einen muss man im Falle einer Sat-Karte ein LNB einrichten:



Danach sollte ein Scan der Sender möglich sein.

Kaffeine Channel Scan

Möglicherweise, bzw. sogar ziemlich sicher trifft man beim Auswählen eines Senders nun auf eine Fehlermeldung: ‚cannot find demux plugin for MRL….‘.
Dies liegt daran, dass die entsprechenden Codecs für die TV-Ausgabe noch nicht installiert sind.
Abhilfe schafft das Installieren folgender Pakete:
phonon-backend-xine
libxine1-plugins
libxine1-all-plugins
Siehe auch dieser Artikel: http://forum.ubuntuusers.de/topic/kaffeine-kein-dvb-t-mit-10-04/#post-2518247
Danach hat es dann bei mir auch sofort funktioniert.

Fernbedienung
Zur Steuerung der Medienwiedergabe bietet sich das lirc an, welches Unterstützung für viele Fernbedienungen enthält.
Auf die Installation und Konfiguration gehe ich hier nicht näher ein, da gibt es genügend Adressen mit guten Anleitungen, z.B. diese hier: https://help.ubuntu.com/community/LIRC
Erwähnt sei hier noch, dass es keine DCOP Unterstützung mehr gibt. Dieses Protokoll zur Kommunikation von Anwendungen untereinander war auf KDE beschränkt. Stattdessen kommt nun DBUS zum Einsatz. Kaffeine lies sich auch mit dieser Methode dazu bewegen, Befehle meiner Fernbedienung auszuführen.
Der Musik-Player ‚gmusicbrowser‘, welcher auf Gnome basiert lässt sich z.B. ebenfalls mittels DBUS steuern.
Siehe: http://gmusicbrowser.org/dokuwiki/doku.php?id=dbus_api
Amarok 2.x (aus KDE) kommt bei mir nicht mehr zum Einsatz.

Stabilität, Geschwindigkeit, Optik
Das Aussehen einer Betriebssystem-Benutzeroberfläche ist ja immer Geschmackssache. Dennoch kann man sagen, dass die Ubuntu-Entwickler ein gut aussehendes Standard-Design hinbekommen haben. Nicht zuletzt trägt auch die neue Schriftart ‚Ubuntu‘ dazu bei.
Mir scheint Ubuntu 10.10 subjektiv stabiler und schneller als mein altes 8.04. Mit einer endgültigen Beurteilung ist aber noch warten. Jedoch vermittelt mir das System bei meiner bisherigen Arbeit einen performanten und stabilen Eindruck.

Ubuntu 10.10 Desktop mit Anwendungen

Fazit
Auch wenn ein Umstieg oder Upgrade im ersten Moment als viel Arbeit erscheinen mag, lohnt sich dieser im Falle von Ubuntu 10.10 auf jeden Fall. Man wird mit umfangreicher, brandaktueller Software und einer breiten Hardwareunterstützung belohnt. Und ‚Eye-Candy‘ kommt auch nicht zu kurz, da nach wie vor mit ‚Compiz‘ für Desktop-Effekte und performantes Arbeiten gesorgt ist.
An dieser Stelle noch ein kleiner Ausblick: die nächste Version von Ubuntu, 11.x, wird einige Neuerungen unter der Haube erfahren, welche vielleicht das Arbeiten mit einer Desktopumgebung komplett ändern, wenn nicht gar revolutionieren werden. Bis dahin ist Ubuntu 10.10 aber das beste Ubuntu das je verfügbar war. Habt viel Spass damit!

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